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Vorsicht vor Vorgängern

Für Nachfolger gilt wie für Tote: Man sollte nur Gutes über sie sagen – oder schweigen. Leider hält sich nicht jeder daran. Von Ulrike Simon

Wer seinen Posten verliert und zum Vorgänger wird, aus welchen Gründen auch immer, ringt erst einmal mit dem eigenen Bedeutungsverlust. Kaum ist man weg, bleiben die Einladungen aus, Kollegen rufen nicht mehr an, die Medienbranche kann einen sehr schnell fallen lassen.

Für mich verlieren Vorgänger nicht automatisch an Bedeutung – auch wenn mich mal einer vor dem Umgang mit, wie er es nannte, „Has-Beens“ gewarnt hat. Inzwischen ist er selbst einer, und das schon ziemlich lange.

Nein, ganz im Gegenteil. Vorgänger erweisen sich in der Regel als hervorragende Quellen, um zu erfahren, was der Nachfolger falsch macht. Man darf nur nicht alles für bare Münze nehmen, denn natürlich ist das nicht objektiv. Welcher Vorgänger gibt schon zu, dass der Nachfolger kompetenter, angenehmer, klüger agiert? Und wer hätte größeres Interesse daran, den Neuen schlecht zu reden? Aber auch üble Nachrede kann Wahrheit enthalten. Man muss nur damit umzugehen wissen.

Manche Vorgänger sind mir über die Jahre als hilfreiche Ratgeber ans Herz gewachsen. Ich profitiere auch deshalb von ihnen, weil ich erlebe, wie es ist, nicht ertragen zu können, dass es einen Nachfolger gibt. Gern sind die in den Augen der Vorgänger Vollpfosten und Flachpfeifen und haben keinen Schimmer. Allein schon deshalb, weil es gar nicht sein kann, dass der Nachfolger etwas besser macht. Manchmal stimmt das sogar.

Der Reflex, über den eigenen Nachfolger herzuziehen, ist menschlich nachvollziehbar, auf Dauer aber unsouverän und lächerlich. Kluge Vorgänger wissen das und schimpfen nur unter drei. Andere geben lang und breit Interviews, und wenn sie keinen finden, der mit ihnen eines führt, weichen sie heutzutage aufs Netz aus.

Schlechter Stil ist in meinen Augen etwa, was Ernst Elitz kürzlich tat. Es ist offensichtlich, dass der Mann, der sich Gründungsintendant des Deutschlandradios nennt, seit Jahren gegen den eigenen Bedeutungsverlust kämpft. Deshalb konnte er wohl auch nicht nein sagen, als ihn der „Tagesspiegel“ um seine Einschätzung zur Umbenennung der Sender des Deutschlandradios bat. Ausführlich äußerte er sich, nicht ohne die eigenen Verdienste hervorzuheben, D-Radio Wissen in Deutschlandradio Nova umzubenennen, das sei ja wohl ein „No-go“. Sprachlich blieb er damit auf dem Niveau seiner „Bild“-Kommentare.

Wer solche Vorgänger hat, braucht keine Feinde mehr

Bernd Ziesemer scheint zu einer ähnlichen Klasse von Vorgängern zu gehören. Schon im April, zum 70. Geburtstag des „Handelsblatts“, konnte er sich nicht verkneifen, die eigenen Verdienste als Stellvertreter und Chefredakteur der Wirtschaftszeitung zu hervorzuheben. Ganz ähnlich war das jetzt zum 90. Geburtstag der ebenfalls bei Holtzbrinck erscheinenden „Wirtschaftswoche“. Zur Geschichtserzählung im Jubiläumssonderheft schrieb er, direkt über dem Foto der amtierenden Chefredakteurin Miriam Meckel: „Einiges ist der alten Tante dabei leider entfallen“. Unerwähnt geblieben seien nämlich die ehemaligen „WiWo“-Chefredakteure Stefan Baron und Roland Tichy, wohingegen sich Miriam Meckel mit gleich zwei Meinungsbeiträgen, „mehreren Interviews und fünf Fotos“ verewigt habe. Ist da Neid im Spiel? Blieb da etwas im Unterbewusstsein unverarbeitet?

„Ach ja“, fiel Ziesemer am Ende seines Beitrags ein, „und dann gibt es natürlich noch ein kleines Stück vom Geschäftsführer der Verlagsgruppe Handelsblatt, Gabor Steingart, der an seine Zeit als Volontär des Blattes 1989 erinnert“. Er, Ziesemer, sei damals Steingarts Ressortleiter Politik gewesen. Steingart schrieb nun, er wolle in jener Zeit vor allem eins gelernt haben: Demut. „Nun ja“, kommentierte das Ziesemer: „Daran kann nun wiederum ich mich leider nicht mehr erinnern“.

Selbst wenn Ziesemer im Recht sein sollte: Stoffeliges mit Stoffeligem zu vergelten, ist und bleibt stoffelig. Erst recht, wenn es um Fragen des Stils geht. Wer solche Vorgänger hat, braucht keine Feinde mehr.