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Was macht eigentlich Tom Buhrow?

Man hört ihn nicht, man sieht ihn nicht. Als Intendant des WDR ist der frühere „Tagesthemen“-Moderator in der Versenkung verschwunden. Von Ulrike Simon

Mensch, den gibt’s ja auch noch, dachte ich, als ich Tom Buhrow vor ein paar Tagen auf einem Foto entdeckte. Es zeigte ihn bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises. Veröffentlicht hat das Bild „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart in seinem Newsletter, natürlich nur, um damit auf die eigene, dort gehaltene Rede zu verlinken.

Seit Juli 2013 ist Tom Buhrow Intendant des WDR. Zu seinen Vorgängern zählen Fritz Pleitgen und Friedrich Nowottny, denen keiner sagen musste, welche Rolle der WDR als größte Anstalt innerhalb der ARD spielt. Buhrow wirkt wie vom Erdboden verschluckt. Nicht einmal jetzt, während der Ingo-Zamperoni-Festwochen, tauchte sein Name groß auf. Als hätte man vergessen, dass Buhrow die „Tagesthemen“ auch einmal moderiert hat.

Zamperoni wird seine Sache sicherlich gut machen. Trotzdem muss ich gestehen: Thomas Roth wird mir fehlen. Wie wohltuend war seine durch und durch journalistische Unaufgeregtheit, nachdem Buhrow immer wieder Anlass zu Spekulationen gab, wie unbedarft er lächelt und ob er sich nur geschickt die Haare über die schütteren Stellen frisiert oder doch künstliche auf dieselben sprühen lässt. An Thomas Roths weiße Zähne hatte man sich schnell gewöhnt. Man fühlte sich sogar angespornt, die eigenen vor dem Schlafengehen besonders gründlich zu putzen. Als Buhrow im Juli 2013 Intendant wurde, versprach er: „Ich möchte Botschafter sein für den WDR, auch für die ARD, wenn du, Lutz Marmor, das willst“. Marmor war zu jener Zeit der Vorsitzende der ARD. Er hätte es sicherlich gewollt. Einer wie Buhrow, ein Mann nicht nur des WDR, sondern auch der Kommunikation, „verkörpert das öffentliche Bild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“, sagte damals Ruth Hieronymi, die Vorsitzende des Rundfunkrats. Das Gremium hatte sich auch deshalb für Buhrow entschieden, weil er als Journalist und Prominenter, wie es damals hieß, gut den Daseinszweck der ARD vermitteln könnte.

Mal ehrlich: Hat davon seither irgendjemand etwas mitbekommen? Ulrich Wilhelm vom Bayerischen Rundfunk ist innerhalb der ARD für die Sportrechte zuständig, Lutz Marmor beim NDR für ARD-aktuell, Peter Boudgoust vom SWR kann sich die Gründung des jungen Angebots „funk“ zugutehalten, Karola Wille führt den Vorsitz, Jan Metzger von Radio Bremen tüftelt an der Digitalstrategie, Thomas Kleist aus dem Saarland fungiert in der Runde jener Intendanten, die sich über die Stabilität des Rundfunkbeitrags die Köpfe zerbrechen, als Vertreter der kleinen ARD-Sender – ja, selbst der Hessische Rundfunk findet mit dem neuen Intendanten Manfred Krupp wieder zurück auf die Bühne.

Und Buhrow? Wo ist denn das Studio Brüssel, für das der WDR zuständig ist, im europäischen Parlament präsenter geworden?

Mir fällt die Antwort nicht ein und finde auch keinen, der mir von anderen Impulsen aus Köln berichten könnte. In Erinnerung geblieben sind lediglich Boulevardberichte über Buhrows Trennung von Ehefrau Sabine Stamer und seine Auftritte mit einer neuen Frau an der Seite. Wie hatte Buhrow in seiner Antrittsrede als WDR-Intendant versprochen? „Ich düse im Sauseschritt und bring‘ die Liebe mit“. Aber man sollte fair bleiben. Buhrow hat es nicht leicht. Mit Valerie Weber hat er eine Frau aus dem Privatradio zur Chefin des WDR-Hörfunks gemacht und dafür viel Prügel eingesteckt. Nach wenigen Wochen musste er, dessen Stärke die Finanzen nicht sind, einräumen, beim WDR „in einen gigantischen strukturellen Abgrund“ zu schauen. Was kam seither von ihm? Bei Sotheby’s verhökerte  der WDR Teile der Kunstsammlung, beim neuen WDR-Gesetz ließ er sich von der Politik über den Tisch ziehen. Und im Quotenranking der ARD-Dritten rangiert nur noch das RBB-Fernsehen hinter dem WDR.

Als die neue RBB-Intendantin Patricia Schlesinger kürzlich ihre ersten hundert Tage bilanzierte, sagte sie über die größeren finanziellen Spielräume, die der RBB nun habe: Es gebe Grund sich zu freuen, dass der RBB endlich vom Campingplatz in eine Pension ziehen kann und damit ein Dach über den Kopf bekommt. Man müsse allerdings bedenken, dass andere in der ARD noch immer im Vier-Sterne-Hotel logieren, auch wenn sie laut klagen, weil sie Fünf-Sterne-Niveau gewohnt waren. Wen sie damit wohl meinte?

Tatsache ist: Mit mehr als 104 Millionen Euro hat die größte ARD-Anstalt WDR derzeit das größte Minus. Und jetzt kommt Buhrow auch noch eine nicht zu unterschätzende Helferin abhanden. Am 2. Dezember gibt die erfahrene Ruth Hieronymi nach einem Vierteljahrhundert Gremienarbeit den Vorsitz des WDR-Rundfunkrats ab. Buhrows Amtszeit beträgt übrigens sechs Jahre, offiziell bis Sommer 2019.