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„Zeit“-Unterschiede in der Flüchtlingsfrage

Bei der Hamburger Wochenzeitung führen die widerstreitenden Positionen in der Flüchtlingsdebatte zur Frage: Wie grün sind sich Giovanni di Lorenzo und Bernd Ulrich noch? Von Ulrike Simon

Der in der Flüchtlingsfrage anhaltende Dissens zwischen „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und seinem für die Politikberichterstattung zuständigen Vize, Bernd Ulrich, dürfte keinem Leser entgangen sein. Als jetzt auch noch der AfD-Politiker Alexander Gauland di Lorenzos Kritik am eigenen Blatt als Beleg für die angeblich einseitige Berichterstattung nutzte, war für mich der Moment gekommen. Ich wollte wissen, was da los ist bei der „Zeit“. Wie unauflöslich ist der Dissens zwischen den beiden?

Es war am Montag, dem ersten der beiden Kongresstage des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger in Berlin. Gauland war neben dem Politikwissenschaftler Werner Patzelt (TU Dresden), den Chefredakteuren des „Kölner Stadt-Anzeigers“ und der „Wirtschaftswoche“ sowie „Bild“-Vize Nikolaus Blome eingeladen, über die Glaubwürdigkeit der Medien zu diskutieren. Bereits bei seiner ersten Wortmeldung sagte Gauland über den nicht anwesenden Giovanni di Lorenzo: Der „Zeit“-Chefredakteur habe „sehr ehrlich zugegeben vor kurzem“, dass es „bei vielen Journalisten eine Schere im Kopf gab“. Sie hätten sich im Widerspruch zu Hajo Friedrichs viel bemühtem Satz verhalten, dass sich ein guter Journalist nicht mit einer Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten. Und diese Sache sei nicht einmal eine gute, „sondern eine sehr ambivalente“.

Nicht nur einmal hat sich di Lorenzo von jener „Zeit“-Ausgabe distanziert, die Anfang August vorigen Jahres mit der Titelzeile „Willkommen“ und einem Leitartikel von Sabine Rückert erschienen ist. Im Juli tat er das bei der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche. „Wir waren Akteure und nicht mehr Beobachter“, sagte di Lorenzo, und dass er damals am liebsten seinen Urlaub abgebrochen hätte, als er die Titelzeile und den Leitartikel las. Stefan Niggemeier schrieb daraufhin, es sei „eine besondere Form der Selbstkritik, bei der der Chefredakteur öffentlich feststellt, wie sehr seine Zeitung missrät, wenn er sich urlaubsbedingt nicht um sie kümmern kann“, analysierte die „Zeit“-Berichterstattung jener Wochen und kam zu einem ganz anderen Fazit.

Das zweite Mal, dass sich di Lorenzo in ganz ähnlicher Weise äußerte, war in der September-Ausgabe von „Cicero“. Da hatte sich der zumindest bei Teilen der Redaktion angestaute Ärger über di Lorenzos im Mantel der Selbstkritik getarnte Bloßstellung der eigenen Stellvertreter noch nicht gelegt. Wie di Lorenzo das sieht, wollte ich wissen und erreichte ihn im Urlaub in Italien. Seine Antwort: „Den flapsigen Satz, den ich bei der Diskussion von Netzwerk Recherche gesagt habe, dass ich wegen der 'Willkommens'-Ausgabe am liebsten den Urlaub abgebrochen hätte, würde ich ganz bestimmt nicht wiederholen. Muss man denn wirklich jedes Wort auf die Goldwaage legen?“

Zudem, korrigierte er Gauland zutreffend, habe er von einer „Schere im Kopf“ weder im einen Fall gesprochen noch im anderen geschrieben: „Vielmehr glaube ich, dass die Berichterstattung bei aller Kritik, die ich daran habe, Ausdruck ehrlicher Zustimmung und Empathie war, und zwar bei allen Kollegen“. An seiner Kritik hält di Lorenzo fest. Ihm fehlte die Balance in der Berichterstattung der eigenen Zeitung wie auch in der anderer Medien. Die Euphorie in der Flüchtlingsfrage empfand er als naiv.

Inzwischen ist mehr als ein Jahr vergangen seit der Öffnung der Grenzen für die Flüchtlinge. Der Dissens in der Redaktion der „Zeit“ ist geblieben, er hat sich sogar verfestigt. Es gibt Stimmen, die aus verständlichen Gründen ungenannt bleiben wollen und von einem Riss sprechen. Er verlaufe quer durch die Redaktion, vor allem aber zwischen di Lorenzo und Ulrich. Die einen sind mehr auf di Lorenzos Seite, die anderen vertreten Bernd Ulrichs Position; das Feuilleton tendiere mehr zum Chefredakteur, das Politikressort sei zur Hälfte gespalten.

Ulrich und di Lorenzo wollen von einem Riss nichts wissen. Dass es zwischen ihnen unterschiedliche Auffassungen gibt, wie mit den Flüchtlingen umzugehen und was das Land zu verkraften imstande sei, bestätigen beide. Ulrich sagt: „Meinungsunterschiede sind konstitutiv wichtig für den Erfolg der Zeitung“. Di Lorenzo: „Es stimmt, wir haben in der Redaktion deutliche Meinungsunterschiede, die wir im Blatt aber nicht nur zulassen, sondern transparent machen. Die Leser erkennen an, wie wir als Redaktion bei diesem Thema mit uns ringen“. Vergiftet sei das Klima deswegen nicht – anders als im Rest des Landes.

Und was ist mit die Lorenzos Verhältnis zu Ulrich, mit dem ihn in politischen Grundsatzfragen nur noch wenig zu einen scheint? Der „Zeit“-Chef verweist das ins Reich bösartiger Gerüchte: „Im Gegenteil. Bernd ist immer der erste Leser meiner Stücke, und wir diskutieren alles aus“.

Wenn dem so ist, dürfte der Leitartikel, den Giovanni di Lorenzo in der Ausgabe vom 22. September geschrieben hat, bereits seinen Hauptadressaten erreicht haben, nachdem Ulrich ihn gelesen hatte. Der Text jedenfalls wirkt ganz so, als sei er vor allem auf ihn gemünzt. „Die Allmacht der Grünen“, lautet die Überschrift. Darin macht di Lorenzo die „Grünwerdung Deutschlands“ verantwortlich für die Angleichung der Parteien. Sie habe erst dazu geführt, dass sich eine Opposition gebildet hat, die das Fremde ablehnt und sich durch zu viel Neues überfordert fühlt. Nun stünde „die kulturelle Hegemonie“ der Grünen vor dem Ende: „Auch weil alle Parteien sein wollten wie sie, kommt die Opposition jetzt von rechts“.

Zwei Seiten weiter schreibt Ulrich, warum Angela Merkel Kanzlerin bleiben müsse und schließt mit dem Satz: „Sie schafft das“.

Giovanni di Lorenzo und Bernd Ulrich: Die beiden hatten ein fast symbiotisches Verhältnis zueinander, all die Jahre, schon zu gemeinsamen Zeiten beim „Tagesspiegel“, wie ich aus eigenem Erleben weiß. Der eine hält den Laden zusammen, der andere ist der politische Kopf; der eine spielt gern über Bande, der andere agiert direkt und gern mal impulsiv; der eine managt mehr, der andere schreibt mehr und ist folglich weit stärker im Blatt präsent.

Wie wohl Helmut Schmidt urteilte, könnte man ihn noch fragen, auf eine Zigarette? In besagtem Leitartikel schreibt di Lorenzo, die Grünen seien im Windschatten des damaligen Bundeskanzlers entstanden. Sie hätten ihm jedoch nichts anhaben können.