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Diane Kruger: Der Film hat mich beinahe umgebracht

Cannes-Siegerin Diane Kruger hat bei den Dreharbeiten zu ihrem Film „Aus dem Nichts“ gelitten: „Der Film hat mich beinahe umgebracht“, sagte die Schauspielerin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Für andere war ich nicht besonders zugänglich. Hinterher war ich richtig abgemagert. Ich brauchte eine Auszeit“, so die 40-Jährige gegenüber dem RND. Kruger spielt in dem Drama von Regisseur Fatih Akin eine Mutter, deren Familie bei einem rechtsextremistischen Anschlag ermordet wird.

Am Sonntag wurde sie dafür mit der Darsteller-Palme in Cannes geehrt. Bei der Vorbereitung auf die Rolle sprach sie mit Angehörigen von Opfern: „Manchmal habe ich mich wie ein Arschloch gefühlt, wenn ich ihnen eine Frage stellen wollte – oder musste. Ich werde nie vergessen, was ich in den Augen dieser Leute gesehen habe“, so Kruger.

Das Interview im Wortlaut:

„Für diese Rolle war ich zu allem bereit“

Cannes-Gewinnerin Diane Kruger über Rachegefühle, die deutsche Sprache und ihre Vergangenheit als Model

 

Frau Kruger, lange haben Sie geklagt, keine deutschen Filmrollen angeboten zu bekommen. Jetzt haben Sie mit Fatih Akins Rachedrama in Cannes Furore gemacht. Wie verlief die Vorgeschichte?

Schon ein bisschen verrückt: Ich musste erst vor fünf Jahren nach Cannes kommen und hier Fatih kennenlernen. Und jetzt spiele ich in seinem Film „Aus dem Nichts“ eine Mutter, die ihre Familie bei einem rechtsextremen Terroranschlag verliert. Mein Herz hat wie wahnsinnig geklopft, den Film in Cannes vorzustellen.

 

Als Teenager haben Sie das niedersächsische Algermissen verlassen und sind als Model nach Paris und später als Schauspielerin nach Hollywood gegangen: War die Rückkehr in die deutsche Sprache schwierig?

Schwer ist es nur, an einem Tag zwischen Englisch, Französisch und Deutsch hin- und herzuwechseln. Aber die deutsche Sprache war schnell wieder präsent. Zudem habe ich schon zwei Monate vor dem Dreh in Hamburg gelebt. Auch wenn ich so lange aus Deutschland weg war, gibt es da so eine Selbstverständlichkeit. Ich merke eher umgekehrt, dass ich trotz meiner vielen Jahre in den USA keine Amerikanerin geworden bin.

 

Wie klappte die Zusammenarbeit mit Regisseur Fatih Akin?

Zu Beginn schien er mir ein bisschen unsicher, ob er die richtige Wahl getroffen hatte. Er wusste ja nicht, wie weit ich den Weg mitgehen würde. Nach ein paar Tagen war klar, dass er alles von mir haben kann. Ich war zu allem bereit für diese Rolle. Ich hatte bald schon das Gefühl, in der Akin-Familie angekommen zu sein.

 

Wie spielt man so intensiv Trauer,  Schmerz und Zorn, dass man dafür mit der Darsteller-Palme in Cannes belohnt wird?

Wir haben chronologisch gedreht. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich gar nicht spielen muss. Aber der Film hat mich beinahe umgebracht. Ich konnte ja nicht mal eben nach Hause gehen und mir eine Massage gönnen. Ich bin in jeder Szene zu sehen. Für andere war ich nicht besonders zugänglich, ich habe auch keinen Besuch bekommen. Hinterher war ich richtig abgemagert, brauchte eine Auszeit. Erst im Juli geht es wieder los: Ich drehe mit Kristen Stewart und Laura Dern ein Biopic über die geheimnisvolle US-Autorin JT LeRoy.

 

Wie nahe sind Sie dieser Katja gekommen, die zur blutigen Rächerin wird?

Der Film erzählt von Katjas Weg. Jeder Zuschauer muss für sich entscheiden, was er in Katjas Situation tun würde. Als Schauspielerin will ich die Figur nicht be- oder verurteilen. Ich kann nur sagen: Tief in jedem Menschen stecken Rachegefühle drin.

 

Haben Sie zur Vorbereitung mit Angehörigen von Opfern gesprochen?

Ja, mit Menschen, die Familienmitglieder bei Mordanschlägen verloren haben. Manchmal habe ich mich wie ein Arschloch gefühlt, wenn ich ihnen eine Frage stellen wollte – oder musste. Ich werde nie vergessen, was ich in den Augen dieser Leute gesehen habe.

 

Ist der NSU-Prozess in den USA ein wichtiges Thema?

Nicht wirklich. Ich habe darüber von meiner Mutter in Deutschland gehört. Aber für die Rolle war das nicht wichtig: Für mich ist dies ein Film über Leute, die zurückbleiben. Es ist nicht entscheidend, ob der Terror von rechts oder links kommt. Leider ist dieser Film erschreckend aktuell: Anschläge gibt es überall.

 

Wird es weitere Filme in deutscher Sprache mit Ihnen geben?

Ich hoffe auf Fatih Akin! Ich würde aber auch gerne mal mit der „Toni Erdmann“-Regisseurin Maren Ade drehen, die ich jetzt in Cannes getroffen habe.

 

In Cannes sind Sie bei der Pressekonferenz als Model vorgestellt worden. Hat Sie das geärgert?

Ich fand es irrelevant. Nur weil ich mal für Yves Saint Laurent gearbeitet habe, musste „Aus dem Nichts“ ja kein guter Film werden – und dann noch mit einer Rolle ohne Make-up!

 

Interview: Stefan Stosch